Fortschritte bei Krebs

Interview mit

Prof. Dr. med. Frank Gieseler

Vorsitzender Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft
Vorsitzender Inst. für Krebsepidemiologie, Universität zu Lübeck
Stellv. Vorsitzender Ethikkommission, Universität zu Lübeck

Bereichsleiter Experimentelle Onkologie, Palliativmedizin und Ethik in der Onkologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Medizinische Klinik I
www.experimentelle-onkologie-lübeck.de

 

Renate Harrington*
Sie blicken auf umfangreiche Erfahrungen bei der Behandlung von Krebspatienten zurück. Was waren historisch gesehen die wichtigsten Entwicklungen.

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Beginnen wir mit der Diagnostik. Ein zentraler Schritt war die Entwicklung von CT, MRT, Szintigraphie und PET - also die technische Entwicklung. Mit diesen und weiteren bildgebenden Verfahren können Krebserkrankungen richtig diagnostiziert und die Ausbreitung richtig festgestellt werden. Dazu gehört die Endoskopie, mit der man fast überall hinkommt und für die neue Instrumente entwickelt wurden. Ein weiterer großer Schritt  sind die Möglichkeiten der Pathologie. Der Pathologe kann heutzutage zusätzlich zu  Oberflächenmarker und Mikroskop, durch molekulargenetische Untersuchungen eine Krebserkrankung viel besser einteilen als früher. Wir wissen inzwischen, dass z.B. eine akute myeloische Leukämie aus vielen verschiedenen Krankheiten besteht. Früher haben wir eine Leukämie am Mikroskop zwar als eine Krankheit erkannt, konnten sie aber lange nicht so gut definieren.
Kommen wir zur Therapie bestehend aus Strahlentherapie, Chirurgie und Systemtherapie. Ich bin Internist und Systemtherapeut, deshalb möchte ich mich darauf beschränken. In diesem Bereich findet gegenwärtig die Revolution in der Krebstherapie statt. Wir sind bereits in der Lage über eine individualisierte Therapie, ganz bestimmte Stoffwechselwege der Tumorzelle zu treffen und Tyrosinkinasen (Signalübertragung bei Krebszellen) zu blockieren. Wir sind noch ganz am Anfang. Aber klar ist, das wird künftig die Haupt-Krebstherapie sein. Gegenwärtig fehlen uns noch viele diagnostische  Tools. Wir können die Krebszelle noch nicht wirklich so einordnen, dass wir mit der Targeted Therapy – gezielte Therapie - genau den richtigen Weg treffen. Dieser Weg ist für mich aber der entscheidende Schritt in die Zukunft der Tumortherapie.

 

Renate Harrington
Was sind aus Ihrer Sicht Meilensteine der Krebstherapie?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Meilensteine sind ganz klar Entwicklungen der Biotechnologie. Es ist jetzt möglich diese kleinen „small molecules“ herzustellen. Die Biochemie, also die Herstellung biochemischer Strukturen findet heutzutage am Computer statt und die Substanzen werden dann proteinsynthetisch hergestellt. Das ist definitiv ein Meilenstein. Ohne diese Technik und Technologie würde es nicht gehen. Ein weiterer Meilenstein sind Antikörper. Man weiß schon sehr lange, dass Antikörper gut sind, um Tumore zu behandeln. Aber der Weg vom Tiermodell zum Menschen war eine besondere Herausforderung. Es mussten Antikörper biochemisch und biotechnologisch humanisiert werden. Ein moderner in der Therapie eingesetzter Antikörper besteht heute zum großen Teil aus menschlichem Proteinen und nicht mehr aus Mäuseproteinen. Die technologische Entwicklung hat es überhaupt erst ermöglicht, dass man ursprünglich theoretische Ansätze jetzt in die Praxis umsetzen kann.

 

Renate Harrington
Ist die Chirurgie nach wie vor der Basis-Baustein einer Krebsbehandlung?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ja. Das ist so. Je früher man eine Krebserkrankung diagnostiziert und sie noch chirurgisch entfernen kann, desto besser ist die Prognose.

 

Renate Harrington
Welchen Stellenwert hat die Bestrahlung im Rahmen von Krebsbehandlungen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Die wird immer besser, weil sich die Technik verbessert. Radiologen bestrahlen heute viel präziser als noch vor wenigen Jahren. Früher gab es viele Nebenwirkungen bei der Strahlentherapie. Heute nennt man das schon mal Radiochirurgie, weil man wirklich millimetergenau bestrahlen kann. Der Stellenwert steigt durch diese neuen Techniken. Die Kollegen bestrahlen so fokussiert, dass sie fast an die Ergebnisse der Chirurgie herankommen.

 

Renate Harrington
Chemotherapie ist im Bewusstsein von Patienten das Synonym für Leiden und Hoffnung zugleich. Die Chemotherapie wird trotz neuer Therapien mittelfristig Bestand haben. Kann es gelingen, die Nebenwirkung so zu reduzieren, dass die Chemotherapie zu einer chronischen Behandlung wird?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Man muss unterscheiden zwischen Chemotherapie und Systemtherapie. Nicht alles, was als Infusion oder Tabletten gegeben wird, ist auch Chemotherapie. Die Chemotherapie ist eine Behandlung mit einer apoptoseinduzierenden Substanz (zerstört Krebszellen).  Der andere Bereich betrifft Signalwege. Einer der Meilensteine ist ganz sicher auch die Entwicklung von Antiemetika (reduziert Übelkeit und Brechreiz). Die wirken inzwischen so gut, dass kein Patient sich mehr erbrechen muss.

 

Renate Harrington
Jede Krebs-Therapie mit neuem Ansatz wurde früher als Durchbruch gefeiert. Heute ist man zurückhaltender. Der Weg geht dahin, Krebs zu einer behandelbaren, chronischen Krankheit zu machen. Was versprechen Sie sich von der Immuntherapie, an die sich gegenwärtig viele Hoffnungen knüpfen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Die Immuntherapie gibt es schon seit Jahrzehnten. Man verfolgte die Frage, warum das Immunsystem Krebs nicht als fremd erkennt. Nun, das liegt halt daran, weil er nicht fremd ist. Das ist kein Alien-Krebs oder Raubtier-Krebs, der von außen gekommen ist. Krebs entsteht aus eigenen Körperzellen. Er unterscheidet sich mal mehr, mal weniger und das Immunsystem erkennt das nicht unbedingt. Es gab bereits viele Ideen, wie man das Immunsystem scharf machen kann gegen die Tumorzellen. Keiner dieser Ideen war bahnbrechend. Erst in den letzten Jahren ist es durch neue technologische Möglichkeiten gelungen Antikörper zu humanisieren. Die Antikörpertherapie ist inzwischen fester Bestandteil in der Leitlinien Onkologie, z. B. beim Dickdarmkrebs. Da wird ein Antikörper eingesetzt, der gegen eine bestimmte Oberflächenstruktur auf den Krebszellen gerichtet ist. Diesen Antikörper kann man nur deswegen einsetzen, weil er biochemisch so verändert ist, dass das Immunsystem ihn nicht als fremd erkennt. Es ist ein humanisierter Antikörper der drei Wochen oder länger im Blut zirkuliert und dort seine Wirkung ausübt.

 

Renate Harrington
Wie gelingt es Ihnen, diese hochkomplexen Zusammenhänge Patienten und Angehörigen zu vermitteln und sie einzubinden?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ich sehe das als eine meiner wichtigsten Aufgaben an. Es macht aber nur Sinn, das zu vermitteln, wenn ich wirklich auch einen therapeutischen Ansatz habe und dann vereinfache ich die Details. Für Patienten und Angehörige bin ich der Lotse in dem komplizierten Medizinbetrieb. Es ist meine Aufgabe für sie da zu sein, deshalb biete ich auch Zweitmeinungs-Sprechstunden an. Die Betroffenen kommen mit ihrer dicken Akte und fragen: Was würden Sie denn an meiner Stelle machen? Eine zweite Meinung einzuholen ist ein entscheidender Punkt. Ich beschränke mich dann auf die Erklärung der Dinge, die für den Patienten wirklich wichtig sind. Denn es nützt nichts, jemandem etwas zu erklären, was hinterher gar nicht angewendet werden kann. Ich überlege deshalb als erstes, was kann dem Patienten überhaupt angeboten werden. Dann erkläre ich nur das, was sinnvoll ist und nicht, was theoretisch möglich wäre. Ich treffe also eine Auswahl.

 

Renate Harrington
Beruht zeitgemäße Patienten- und Angehörigen-Information immer auf persönlicher Erfahrung, kann man davon etwas weitergeben an jüngere Kollegen oder muss die nächste Ärztegeneration sich das selbst erarbeiten?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Mit persönlicher Erfahrung allein kann man das nicht hinbekommen. Man braucht jemanden, der einem zeigt, wo es langgeht. Ich bin ja schon ein bisschen älter und sehe es auch als meine Aufgabe, die Menschlichkeit in der Arzt-Patientenbeziehung an die jüngeren Kollegen weiterzugeben. In meinen Vorlesungen mache ich das schon lange und halte Vorträge speziell zu diesem Thema. In der Uni und über die Krebsgesellschaft biete ich Kurse für Medizinstudenten oder auch Pflegepersonal an und am Ende des Studiums biete ich Kurse für Kommunikation in schwierigen Situationen an. Dazu gehört auch eine Vorlesung über Prinzipien in der palliativen Onkologie. Im Internet finden Sie nur, was Sie machen sollen, aber nicht, wie Sie es dem Patienten vermitteln müssen. Diese Kommunikationskurse sind gut besucht und ich halte sie für sehr wichtig.

 

Renate Harrington
Sie sind damit absoluter Vorreiter, denn das Curriculum des Medizinstudiums sieht das nicht vor.

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ja, die Lübecker Universität ist wirklich Vorreiter, obwohl natürlich ähnliche Angebote auch in anderen Unis existieren. Lübeck ist sehr beliebt bei den Studenten und immer auf den vorderen Plätzen bei der Wahl zum Studienplatz. Ganz wichtig ist, dass man solche Kurse als erfahrener Arzt anbietet. Ich sage den Studenten: Ihr könnt von Psychologen lernen, wie Ihr sprecht, aber nicht, wie Ihr das in der alltäglichen Situation macht - z.B. unter Zeitdruck  oder in einem Vier-Bett-Zimmer. Drei davon heulen wegen der Diagnose, die sie gerade erhalten haben und der Funkruf erinnert an die Röntgenbesprechung. Das ist die eigentliche Kunst, ein solches Gespräch im täglichen Leben hinzubekommen. Die Theorie wird schon an vielen Stellen vermittelt, aber in der Anwendung wird es leider oft falsch gemacht. Das setzt die jungen Kolleginnen und Kollegen sogar zusätzlich unter Druck. Sie lernen, wie mache ich es optimaler Weise richtig und im täglichen Leben sind sie plötzlich alleine für 32 Patienten zuständig. Diese Realität zu vermitteln ist eine besondere Herausforderung. Das müssen wir hinkriegen, trotz Arbeitsverdichtung, der vielen Therapieangebote und der wachsenden Zahl älterer Patienten. Die besondere Herausforderung ist, trotz der Veränderungen eine gute Kommunikation und Patientenversorgung hinzubekommen und zu verhindern, dass die Ärzte ständig in Ausnahmesituationen arbeiten.

 

Renate Harrington
Die Psyche eines Patienten ist eng verknüpft mit körperlichen Prozessen. Wie gelingt es Ihnen, dies Patienten und Angehörigen zu vermitteln und darüber eine positivere Grundeinstellung zu entwickeln?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Da gibt es verschiedene Kommunikationsstile, die man einsetzt. Früher gab es häufig den autoritären Stil, der Arzt sagte, was gemacht wird und der Patient wurde nicht eingezogen. Es gibt Patienten, die wollen das noch, aber die meisten wollen das nicht mehr.

 

Renate Harrington
Wie können Sie, Patienten und Angehörigen Mut machen, damit die körperlichen Prozesse möglichst durch eine balancierte Psyche angeschoben werden?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Wir versuchen das durch „shared decision making“, also, eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Ich muss das dem Patienten so erklären, dass er nachvollziehen kann, warum diese Therapie gemacht wird. Dann gelingt es auch, eine positive Einstellung zur Therapie zu finden.

 

Renate Harrington
Patienten und Angehörige brauchen immer eine Perspektive. Diese Perspektive sehen Patienten z.B. in einer Zeitschiene für eine Therapiebegrenzung oder die Zeit, die möglicherweise noch bleibt. Zeit ist ein wichtiger Faktor.

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Das kann man so nicht sagen, dass Patienten immer eine Zeitschiene brauchen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das individuell sehr unterschiedlich ist. Für manche ist Zeit ein wichtiger Faktor. Aber, es gibt Menschen, für die das überhaupt nicht wichtig ist. Für die ist die Lebensqualität viel wichtiger als die Zeit. Die sagen sich, also, lieber lebe ich drei Wochen gut, als ein Jahr lang schlecht. Das muss man im Gespräch individuell herausbekommen. Deswegen ist dieses „shared decision making“, gemeinsam die Therapie zu überlegen, besonders wichtig. Sie können das als Arzt nicht wissen, man muss in Erfahrung bringen, welche Ziele der Mensch, der vor Ihnen sitzt, für sein restliches Leben hat. Man muss ehrlich sein. Falsche Hoffnungen, die sich zerstören sind die größte Katastrophe in der Onkologie. Das macht Patienten und Angehörige fix und fertig. Immer wieder etwas Neues anbieten mit der Aussage, es wird schon werden … das geht überhaupt nicht. Man braucht Ehrlichkeit und muss gemeinsam herausfinden, was der Patient möchte und was möglich ist. Hinzu kommt, viele Patienten haben sich über das Ende ihres Lebens noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Dann kann ich nicht einfach fragen, was wollen Sie mit dem Rest Ihres Lebens anfangen? Da kann kaum einer eine ehrliche Antwort geben. Nächste Woche sieht er alles vielleicht ganz anders. Als Onkologe muss ich das Thema immer wieder ansprechen und fragen: “Na, wie ist es denn, wie klappt es denn mit der Therapie? Und, haben Sie sich überlegt, ob Sie so weitermachen wollen?“ Das Gespräch in der Onkologie und die gemeinsame Entscheidungsfindung ist die Basis einer guten Therapie.

 

Renate Harrington
Welche Chancen und Herausforderungen bietet die Personalisierte Medizin?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Personalisierte Medizin ist ein großes Missverständnis. Patienten denken häufig, es habe etwas mit ihnen als Person zu tun. Das hat es nicht. Es hat etwas mit der Tumorerkrankung zu tun. Ich habe die Frage mal einem Patienten gestellt und der hat gesagt: „Endlich werde ich persönlich berücksichtigt.“ Genau darum geht es aber nicht. Dieser Begriff wurde gewählt, um weg zu kommen von der Vorstellung, dass die Tumortherapie eine anonyme Therapie ist. Im Klartext heißt es, dass man jeden Tumor, also jede Krebsart individuell behandelt. Das geht erst, seit man Medikamente entwickelt hat, die ganz spezifisch ganz bestimmte Stoffwechselwege von Tumoren treffen. Wir klären bei jedem Patienten vorher, ob dieser Stoffwechselweg vorhanden ist, ob der Rezeptor dort vorhanden ist und dann kann man mit einem bestimmten Antikörper oder einem Inhibitor dieses Stoffwechselweges diesen Tumor gezielter zerstören als bisher.

 

Renate Harrington
Und darin liegt die zentrale Hoffnung, dass Krebs zu einer chronischen Krankheit wird und nicht zwangsläufig zu einer terminalen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Bisher kann man mit diesen Therapien Krebserkrankungen nicht heilen aber länger bis langfristig wie eine chronische Erkrankung behandeln. Natürlich wünschen wir uns letztendlich eine Therapie, mit der man Krebserkrankungen wirklich heilen kann, soweit sind wir aber nicht. Im Moment können wir schon sagen, dass Krebs zunehmend eine chronische Erkrankung wird, mit der man leben kann. Das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Es fehlt noch der zweite Schritt, der Krebszellen dauerhaft zum Absterben bringt.

 

Renate Harrington
Hoffnungsträger „Zielgerichteten Therapie“?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Das ist das Gleiche, nur ein anderer Begriff.

 

Renate Harrington
Das Thema „Companion Diagnostics“ ist noch nicht so bekannt. Dabei geht es um individuelle Lösungen, um personalisierte Therapien umzusetzen. Wie funktioniert die Verzahnung in der Praxis?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Die Verzahnung mit Diagnostik und Therapeutika funktioniert eigentlich gut. Hierbei geht es darum, dass bestimmte Medikamente nur dann gegeben werden, wenn der Pathologe bestimmte Stoffwechselveränderungen an den Tumorzellen entdeckt hat. Heißt: Ein Medikament, das einen bestimmten Stoffwechselweg blockiert, darf nur dann eingesetzt werden, wenn dieser Stoffwechselweg auch wirklich nachgewiesen wurde. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, würde das Medikament wirkungslos bleiben.  Das macht keinen Sinn und würde möglicherweise sogar zu unerwünschten Wirkungen führen.  Deshalb sollte vom Gesetzgeber die Zulassung dieser Medikamente nur dann stattfinden, wenn auch gleichzeitig die Diagnostik zugelassen ist. Sonst macht das keinen Sinn. Da ist im Moment noch eine Lücke und Handlungsbedarf.

 

Renate Harrington
Die neue Generation der Biomarker bietet erhebliche Perspektiven in der Krebs-Diagnostik. Kommt bei Patienten und Angehörigen an, dass sich hier eine entscheidende Entwicklung vollzieht?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Absolut. Gut aufgeklärte Patienten und Angehörige verstehen die Zusammenhänge.

 

Renate Harrington
Gibt es bei „Companion Diagnostics“ ein rechtliches Problem der Verantwortlichkeit?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Der Onkologe steht in der Verantwortung. Er kann sich da nicht rausstehlen. Er muss die Informationen zusammentragen und dem Patienten die Therapie empfehlen. Der Onkologe kann die Verantwortung nicht delegieren.

 

Renate Harrington
Wie kommen Sie abends in den Schlaf mit so viel Verantwortung?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Fast hätte ich gesagt, indem ich einfach gut bin in meinem Job. Ich muss das wissen, ich muss das können. Und, wenn ich etwas nicht weiß, dann sage ich das dem Patienten. Ich sage, ich muss das nachlesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Patienten völlig einverstanden sind damit, wenn ich sage: Hier endet mein Wissen und ich muss mich erst informieren. Treffen wir uns morgen wieder und dann berichte ich Ihnen, worum es geht.

 

Renate Harrington
Leitlinien sind ein wichtiges Geländer zur Orientierung im Rahmen von Diagnostik und Behandlung eines Patienten. Wie groß ist der Behandlungskorridor innerhalb von Leitlinien?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Die Juristen wünschen sich, dass Leitlinien bindend sind. In der Onkologie haben wir zunehmend ältere Menschen und ältere Menschen sind multimorbid, d. h. sie haben meist mehrere unterschiedliche Erkrankungen. Leitlinien begründen sich auf klinischen Studien. Klinische Studien werden aber häufig mit Menschen gemacht, die nicht gleichzeitig mehrere andere Krankheiten haben, sondern nur eine einzelne Krebserkrankung. Viele Studienergebnisse gelten in der Therapie deshalb häufig nicht für den Patienten, der jetzt gerade vor mir sitzt. In der palliativen Onkologie und der Behandlung solider Tumore bei älteren Menschen muss man die Leitlinien zwar kennen, darf sie aber keinesfalls eins zu eins umsetzen. Das wäre sogar falsch. Man muss berücksichtigen, wann Leitlinien für den Patienten, der gerade vor einem sitzt nicht gelten. Letztlich zählt die Erfahrung durch die tägliche Anwendung.

 

Renate Harrington
Wenden sich junge Forscher schwerpunktmäßig den Biotechnologien zu?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Definitiv. Wenn Sie heute Onkologe sein wollen und wirklich wissen und verstehen wollen, was eine Therapie macht, müssen Sie in Biotechnologie gut sein, nicht nur gut sein, nein, sehr gut sein. Deshalb glaube ich, dass die Ausbildung heutzutage nicht mehr ausreichend ist. Der moderne Onkologe, der neu ausgebildete Onkologe muss wissen, wie ein Antikörper produziert wird, wie die Signaltransduktionswege sind.  Nur dann kann ein Arzt verstehen wie dieses Medikament wirkt und welche Nebenwirkungen der Patient eventuell haben wird. Um das zu wissen, braucht man sehr viel Kenntnis heutzutage.

 

Renate Harrington
Was ist in der Forschungs-Pipeline?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Die Weiterentwicklung dieser Signalinhibitoren. In der Forschung geht es darum, diagnostische Möglichkeiten zu entwickeln, um herauszufinden was braucht dieser Tumor zum Überleben, zum Wachsen und um Metastasen zu bilden. Dann geht es darum, das richtige Medikament, den richtigen Inhibitor zu finden, der den Weg speziell für diesen Tumor blockiert. Also, die Forschungs-Pipeline ist ganz klar Weiterentwicklung in Richtung personalisierter, zielgerichteter Therapie. Der nächste Schritt ist und das ist bisher noch nicht gelungen, den Tumor nicht nur zu blockieren, sondern wirklich umzubringen. Also, die Zelle dazu zu bringen, dass sie in die Apoptose geht. Das ist in der Forschungs-Pipeline und das muss in den nächsten Jahren noch entwickelt werden.

 

Renate Harrington
Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Krebstherapie ein?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Wir haben ein großes Problem: Die forschende Pharmaindustrie wird in Deutschland immer weniger. Bisher waren die Pharmaunternehmen eine wichtige Triebfeder in der Entwicklung neuer Medikamente. Da es sich meist um börsennotierte Unternehmen handelt geht der Trend dahin, Medikamente anderswo einzukaufen und dann gewinnbringend einzusetzen. Deutschland hatte früher großartige Forschungsmöglichkeiten für Ärzte an Universitätskliniken. Im Gegensatz zu den USA konnte in Deutschland ein universitär tätiger Arzt auch ein Forschungslabor betreiben - das wird immer weniger. Das große Problem ist, wenn Forscher nicht am Patienten sind.  Seit einiger Zeit gibt es hier eine Trennung und ich halte das für einen entscheidenden Fehler. Ich glaube, dass dadurch die Entwicklung verlangsamt wird.

 

Renate Harrington
Welche Vision haben Sie für die Krebstherapie in 5 Jahren?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Therapeutika, die man neu entwickelt, müssen in jedem Fall mit weniger Nebenwirkungen behaftet sein. Sie müssen also viel spezifischer sein und ganz genau das treffen, was sie auch treffen sollen und nicht nebenbei noch etwas anderes kaputt machen. Ein weiteres Ziel wäre – und zwar je schneller desto besser – sie auf die epidemiologische Entwicklung einzustellen. Hauptsächlich geht es um sehr viel mehr ältere Patienten mit ganz anderen Begleiterkrankungen. Aber ein zunehmend größeres Problem sind solide Tumore der alten Menschen. Wie sollen wir die behandeln? Sollen wir ihnen eine nebenwirkungsreiche Therapie geben oder nicht? Oder, sollen wir Altersgrenzen ziehen und sagen: Keine weitere Behandlung, weil die Therapie zu belastend und nicht mehr zumutbar ist? Das sind die echten Probleme in der heutigen Onkologie und sie werden von Jahr zu Jahr zunehmen.

 

Renate Harrington
Wo sehen Sie die Krebstherapie in 10 Jahren?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Das ist zu kurz. Fragen Sie lieber, was ist in fünfzig Jahren? In fünfzig Jahren werden wir genetische Therapien machen können. Wir korrigieren dann Gendefekte. Das ist das eigentliche Ziel. Wir wissen, Krebs ist eine Erkrankung der Gene, da gibt es bestimmte Mutationen, die führen dazu, dass eine Krebszelle entsteht. Wenn wir in der Lage wären, diese Mutationen zu ändern, also die Veränderung zurückzuführen, dann sind wir in der Lage, den Krebs wirklich an der Wurzel zu behandeln. Davon sind wir gegenwärtig weit entfernt. Aber da müssen wir  hinkommen.

 

Das eigentliche Ziel der Zukunft ist die genetische Therapie:
Gentherapie gegen Krebs.

 

*Das Interview führte Renate Harrington, medizinische Fachjournalistin, Hamburg

 

Begleitung bei Krebs

Interview mit

Prof. Dr. med. Frank Gieseler

Vorsitzender Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft
Vorsitzender Inst. für Krebsepidemiologie, Universität zu Lübeck
Stellv. Vorsitzender Ethikkommission, Universität zu Lübeck

Bereichsleiter Experimentelle Onkologie, Palliativmedizin und Ethik in der Onkologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Medizinische Klinik I
www.experimentelle-onkologie-lübeck.de

 

Renate Harrington*
Herr Prof. Gieseler, Sie sind im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein tätig. Was ist dort Ihr Aufgabenbereich?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ich bin im Universitätsklinikum zuständig für die palliative Onkologie, also für Patienten, die an Tumorerkrankungen nicht mehr heilbar erkrankt sind. Diese Patienten müssen in besonderer Art und Weise versorgt werden. Zusätzlich betreue ich Patienten mit Thrombosen. Ich suche nach der Ursache und ob sie zusätzlich eine Tumorerkrankung haben. Das ist ungefähr in 30 % der Fall, wenn man keine auslösende Ursache findet.

 

Renate Harrington
Es besteht also möglicherweise eine Verbindung zwischen Thrombose und einer Krebserkrankung?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Genau. Es gibt viele Gründe für Thrombosen. Wenn man Ski fährt und den Skilift in die Kniekehle kriegt, wenn man mit einen Gips lange liegt, wenn man schwanger ist oder raucht. Daneben gibt es aber Menschen, die eine Thrombosen ohne auslösende Ursache bekommen. Man weiß, dass ungefähr ein Drittel dieser Menschen eine bis dahin unerkannte Tumorerkrankung haben. Deshalb muss man eine ausführliche Diagnostik machen. In manchen Fällen findet man eine Tumorerkrankung, die dann frühzeitig behandelt werden kann.

 

Renate Harrington
Ist das auch ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ein Nebenschwerpunkt. Der zentrale Schwerpunkt ist die Versorgung der palliativ onkologischen Patienten. Das sind deutlich mehr Menschen und das ist deutlich mehr Arbeit.

 

Renate Harrington
Können Sie diesen Tätigkeitsschwerpunkt noch vertiefen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Es geht um palliative Onkologie, Menschen, die unheilbar an Krebs erkrankt sind. Das sind je nach Erkrankung 50 - 80 % der Krebskranken. Die Patienten brauchen eine besondere Zuwendung, die sich von denen, die eine heilbare Erkrankung haben, unterscheidet. Dazu gehört z.B. auch, dass sich Arzt und Patient über die Ziele einer Behandlung einig sein müssen - z.B. der Frage, ob ein längeres Überleben, oder eine möglichst hohe Lebensqualität im Vordergrund steht. Zu mir kommen aber auch Menschen nach der Tumortherapie, die eigentlich im Moment nicht mehr krank sind, aber Nachwirkungen haben, wie eine Fatigue-Symptomatik – wenn die Leistungsfähigkeit fehlt, oder eine Herz- oder Lungeninsuffizienz. Diese Spätwirkungen der Tumortherapie sind ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit am Universitätsklinikum.

 

Renate Harrington
Was ist das Ziel? Was haben die Patienten davon konkret?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler     
Die frühe Erkennung der Tumorerkrankung bei Symptomen, z.B. einer Thrombose und eine ethisch anspruchsvolle Betreuung der Patienten mit unheilbaren Krebserkrankungen.

 

Renate Harrington
Sie sind darüber hinaus Vorsitzender der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft. Welche Aufgabenfelder umfasst Ihre Arbeit?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft gehört nicht zur Universität. Gleichwohl ist sie für die Menschen da. Wir sind ein Zusammenschluss von verschiedenen Spezialisten in Schleswig-Holstein und wir sind dezidiert für unsere Mitglieder, also für die Menschen im Lande, da. Wir wollen – wie ich immer sage – Lücken im Gesundheitssystem schließen. Ein Beispiel: Die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft hat in Kiel und Lübeck je eine Angehörigenwohnung. Dort können auswärtige Angehörige kostenlos wohnen und ihr Familienmitglied tagsüber betreuen. Oder: Wir haben sieben Beratungsstellen im Land. Jeder kann kostenlos Fragen zur psycho-onkologischen Betreuung oder zum Sozialrecht stellen - oder persönliche Probleme vortragen. In den Beratungsstellen sitzen speziell ausgebildete Spezialist/innen. Zusätzlich bieten wir zu unterschiedlichen Themen Informationsveranstaltungen an. Nicht zuletzt sind wir aber auch eine Fachgesellschaft und führen z.B. eigene Forschungsarbeiten durch.

 

Renate Harrington
Informieren Sie auch über Prävention?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Prävention heißt, die Entstehung einer Krebserkrankung zu verhindern. Man kann dazu beitragen indem man nicht raucht, keinen Alkohol trinkt – Lifestyle halt. Dazu gehört auch, Krebsvorstufen zu erkennen, die noch gar kein Krebs sind - z.B. eine Darmspiegelung machen zu lassen -  ab 55 Jahren bezahlen das die Kassen. Das sollte wirklich jeder machen. Bei der Spiegelung können in einem Zug Polypen entfernt werden, die sich später zu Darmkrebs entwickeln können.  Das ist echte, wirklich sinnvolle Prävention. Anderes Beispiel: zur Hautkrebs-Untersuchung gehen, um Krebsvorstufen frühzeitig zu erkennen. Das muss man von Krebsfrüherkennung trennen - dort sollen Krebserkrankungen möglichst frühzeitig erkannt werden, um eine sinnvolle Therapie einzuleiten. Ein Beispiel hierfür wäre die Mammographie. Zwei wichtige Themen, über die gut informiert werden muss, um emotionale Diskussionen zu vermeiden.

 

Renate Harrington
Wie erfahren die Patienten von diesen Angeboten? Im Krisenfall sind die Familien sehr unter Druck. Werden sie auf diese Möglichkeit hingewiesen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Das ist ein wichtiges Thema, weil sich die Informationswege gegenwärtig ändern. Früher hatten wir Zeitungen als Hauptinformationsquelle. Jetzt haben wir Homepages im Internet. Sie werden über Suchbegriffe gefunden. Wir sind gerade dabei, Facebook zu etablieren. Die Haupt-Informationswege sind im Internet, aber auch noch über Mund-zu-Mund-Propaganda. Unsere Termine werden über Radio und Regional-Fernsehen und in Zeitungen angekündigt.

 

Renate Harrington
Welche Bedeutung hat die Deutsche Krebsgesellschaft für die Landeskrebsgesellschaften bei der Betreuung von Krebspatienten?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ich bin zur Zeit der gewählte Sprecher aller Krebsgesellschaften in der Deutschen Krebsgesellschaft. Die Landeskrebsgesellschaften haben sehr unterschiedliche Schwerpunkte. Einige Punkte sind aber überall gleich z. B. die Nähe zum Patienten und die Beratungsstellen. Insgesamt kann man sagen, es gibt keine andere Organisation, die so dicht am Patienten und deren Angehörigen ist. Diese Botschaft vertrete ich für die  Landeskrebsgesellschaften auf Bundesebene in der Deutschen Krebsgesellschaft.

 

Renate Harrington
"Face-to-Face" ist also eine wesentliche Botschaft bei Ihrer Arbeit im DKG-Vorstand?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Genau das werde ich dort vertreten. Die Landeskrebsgesellschaften bieten das als Alleinstellungsmerkmal in jedem einzelnen Bundesland an.

 

Renate Harrington
Patienten und Angehörige sollten sich also in ihrem jeweiligen Bundesland informieren, was die Krebsgesellschaften anbieten.

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ja, Beratungsstellen gibt es in jedem Bundesland. - Auch regelmäßige Informationsveranstaltungen und Unterstützung der Selbsthilfegruppen. Es lohnt sich, sich darüber bei der jeweiligen Landeskrebsgesellschaft zu informieren.

 

Renate Harrington
Wie kommen neueste Erkenntnisse aus den Fachgesellschaften zu den Kollegen in die Praxen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ärztliche Fortbildung ist nicht die primäre Aufgabe der Krebsgesellschaften in den Ländern. Wichtigste Anbieter für die Fortbildung von Ärzten sind die Ärztekammern - nicht zu vergessen sind die Zeitschriften. Sie sind ja heute im Wesentlichen online zu finden. Ebenso die großen Kongresse, wie ASCO (American Society of Clinical Oncology) auf denen Neuentwicklungen präsentiert werden.  Dazu gehören auch Nach-ASCO-Veranstaltungen in Deutschland, auf denen die Informationen vermittelt werden. Der Deutsche Krebskongress in Berlin alle zwei Jahre ist die größte deutsche Veranstaltung. Dort werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse und die Arbeiten der Landeskrebsgesellschaften präsentiert. Die Unikliniken bieten Veranstaltungen an - jeder Schwerpunkt hat einmal im Jahr mindestens eine Veranstaltung, wo Neuigkeiten vermittelt werden. Es gibt auch regelmäßig regionale und lokale Informationsveranstaltungen. Für Patienten bietet die Schleswig-Holsteineiche Krebsgesellschaft alle 2 Jahre einen großen "Krebsinformationstag" an, auf dem besonders auch auf Angebote im Lande eingegangen wird. Es wird also viel getan.

 

Renate Harrington
Kommen die niedergelassenen Teilnehmer aus allgemeinmedizinischen Praxen oder aus onkologischen Schwerpunkt-Praxen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Fast nur Onkologen. Da braucht man Spezialkenntnisse. Es gibt selbst unter den Onkologen eine weitere Spezialisierung. Allgemeinärzte kommen da eher zu den Übersichtsthemen.

 

Renate Harrington
Können Sie über Ihre Tätigkeit in der Landes-Krebsgesellschaft und der DKG eine gleichwertig hohe Versorgung der Patienten unterstützen?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Das ist eine ganz wichtige Frage und nicht so einfach zu beantworten. Nicht nur in Schleswig-Holstein werden Allgemeinarztpraxen geschlossen, besonders an der Westküste. Dagegen ist in Kiel und Lübeck die Arztdichte sehr hoch. Wir sehen dieses Problem als besondere Herausforderung und Aufgabe der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft an. Wir haben z.B. eine Beratungsstelle in Brunsbüttel, machen Veranstaltungen in Husum oder auf einer der Inseln, wo eben sonst kein Onkologe ist. Das machen andere Bundesländer auch so. Wir wollen Betroffene und deren Familien vor Ort erreichen.

 

Renate Harrington
Verbandsarbeit ist zeitintensiv, höchstes Engagement im Universitätsklinikum Lübeck, da sind die ersten 40-Arbeitsstunden der Woche schon am Mittwoch vorbei. Wie schaffen Sie das alles?

Prof. Dr. med. Frank Gieseler
Ja, das stimmt. Ich habe im Laufe der Jahrzehnte gelernt, schmerzhaft gelernt, wie man so etwas macht. Mein Trick ist, bestimmte Zeitfenster zu definieren und in diesen Zeitfenstern auch nur eine bestimmte Sache zu machen. Nicht immer alles machen, sondern zu ganz bestimmten Zeiten, bestimmte Dinge erledigen. So, wie wir jetzt das Interview machen, da gibt es keine Anrufe und danach geht es dann wieder weiter. Das klappt zwar nicht immer, ist aber wichtig für die Psyche. Man muss diese Zeitfenster sorgfältig planen, Wichtiges von Dringlichem unterscheiden und sich schließlich auch an den Plan halten. Und die schönen Dinge im Leben nicht vergessen - ein Termin mit der Ehefrau ist genauso wichtig, wie ein Termin mit dem Chef!

 

*Das Interview führte Renate Harrington, medizinische Fachjournalistin, Hamburg

 

 

Referenz-Expertensprechstunde: Fortschritte bei Krebs

 

 

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle

Nationales Centrum f�r Tumorerkrankungen (NCT)

Sprecher des Direktoriums

Leiter der Abteilung Translationale Onkologie

Deutsches Krebsforschungszentrum

Im Neuenheimer Feld 280

69120 Heidelberg

 

Tel.: 06221 566 990 / -69916221 566990 / -69916221 566990 / -6991Tel.: +49 6221 566990 / -6991
Fax: +49 6221 566930
E-Mail:
christof.kalle@nct-heidelberg.de

Fax: 06221 566 930

6221 566990 / -69916221 566990 / -6991Tel.: +49 6221 566990 / -6991
Fax: +49 6221 566930
E-Mail:
christof.kalle@nct-heidelberg.de

Was bedeutet � Translationale Onkologie�?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Bei der translationalen Onkologie handelt es sich um die Schnittstelle zwischen pr�klinischer Forschung und klinischer Entwicklung bei Krebserkrankungen. Insofern besteht die Zielsetzung der Abteilung Translationale Onkologie darin, durch rasche Umsetzung neuester Forschungsergebnisse in klinische Studien den Fortschritt klinischer Krebstherapie im Sinne des Patienten zu beschleunigen. Sie widmet sich intensiv der Entwicklung und F�rderung selbstinitiierter Studien zur Umsetzung neuester Erkenntnisse der onkologischen Grundlagenforschung aus DKFZ und Universit�tsklinikum.

 

Welche Bedeutung hat Krebs?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Weltweit sterben t�glich 20.000 Menschen an Krebs. Allein 2012 gab es laut Sch�tzungen der WHO etwa 8,2 Millionen krebsbedingte Todesf�lle. Damit z�hlt Krebs nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den h�ufigsten Todesursachen weltweit. Nach Prognosen der WHO wird schon bald Krebs den Herz-Kreislauferkrankungen den Rang als Todesursache Nummer 1 ablaufen. Verglichen mit dem Jahr 2008 soll sich bis 2030 die Zahl der Krebserkrankungen weltweit verdreifachen. Die durch Krebs verursachten Kosten wurden f�r das Jahr 2008 auf � 615 Milliarden gesch�tzt. Wir wissen zudem, dass die deutsche Bev�lkerung gro�e Angst vor einer Krebserkrankung hat, obwohl es aktuell viele Fortschritte bei der Behandlung von Krebs gibt.

 

 

Welches sind die h�ufigsten Krebsarten in Deutschland?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Bei M�nnern liegt bei den Neuerkrankungen Prostatakrebs mit gro�em Abstand vorne, gefolgt von Lungen- und Darmkrebs. Bei Frauen tritt Brustkrebs am h�ufigsten, gefolgt von Darmkrebs, Lungenkrebs und Geb�rmutterkrebs auf. Gleichzeitig steigt die Zahl der Neuerkrankungen des malignen Melanoms, also des schwarzen Hautkrebses, aufgrund der zunehmenden Sonnenexposition deutlich an. In Deutschland werden im Jahr 2014 �ber eine halbe Million Menschen neu an Krebs erkranken. Ein wesentlicher Grund f�r den Anstieg der Krebsneuerkrankungen ist die zunehmend h�here Lebenserwartung. Au�erdem f�hren verbesserte Methoden der Fr�herkennung beispielsweise beim Brustkrebs- oder Hautkrebsscreening oder bei der Darmkrebsvorsorge dazu, dass mehr Krebserkrankungen (in einem fr�hen Stadium) entdeckt werden.��

 


Welche Art von Krebs ist die aggressivste bzw. gef�hrlichste?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Die meisten M�nner versterben in Deutschland an Lungenkrebs, gefolgt von Darmkrebs, Prostatakrebs und Bauchspeicheldr�senkrebs. Bei den Frauen f�hrt der Brustkrebs die Krebssterbef�lle an, gefolgt von Lungenkrebs, Darmkrebs und Bauchspeicheldr�senkrebs. 2010 sind 218.258 Personen in Deutschland an Krebs verstorben.

 

Was kann man tun, um Krebs m�glichst zu vermeiden?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Ungesunde Lebensweisen tragen entscheidend dazu bei, dass mehr Patienten an Krebs erkranken. Sch�tzungen gehen davon aus, dass 30 Prozent aller Krebsf�lle vermieden werden k�nnten, wenn Risikofaktoren wie Rauchen, �bergewicht, oder Alkoholkonsum reduziert w�rden.

 

 

Warum stellt die Behandlung von Krebs eine Herausforderung dar?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Bei Krebs handelt es sich nicht um eine Erkrankung, sondern um eine Vielzahl verwandter Krankheitsbilder. Bisher sind �ber 250 verschiedene Krebsarten und -subtypen bekannt, die sich in �berlebenschance, Behandlungsm�glichkeiten und in der Neigung zur Bildung von Tochtergeschw�ren (Metastasen) unterscheiden. Metastasen sind die Hauptursache krebsbedingter Todesf�lle. Sie verschlechtern die Heilungschancen einer Krebserkrankung erheblich. Hinzu kommt, dass Krebszellen erfinderisch sind: Initial spricht der Tumor oft auf eine Behandlung an und es gelingt, die Krebszellen in Schach zu halten. H�ufig ist das Ansprechen des Tumors auf eine Therapie jedoch zeitlich begrenzt und die Krebszellen werden resistent gegen�ber dem zuerst eingesetzten Medikament. Dann m�ssen andere Medikamente eingesetzt werden.

 

 

Wie entsteht Krebs?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Krebs beruht auf Ver�nderungen in bestimmten Genen des menschlichen Organismus (Mutationen), die ein unkontrolliertes Wachstum der Zelle zur Folge haben. Zu den Hauptursachen von Krebserkrankungen geh�ren chemische Substanzen (z. B. Rauchen, Asbest, Nitrosamine), Strahlen (z. B. erh�hte UV-Strahlung) und Virusinfektionen (z. B. Hepatitis B- und C-Viren). F�nf Prozent aller Krebsf�lle lassen sich auf �bergewicht zur�ckf�hren. Bei bestimmten Krebsarten wie famili�rem Brust-, Darm- oder Eierstockkrebs wird der Krebs durch vererbte genetische Defekte ausgel�st.

 

 

Was hat sich in den letzten Jahren in der Krebsforschung getan?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle: In den letzten Jahrzehnten konnten dank konsequenter Forschung in den Bereichen Vorsorge, Fr�herkennung, Diagnostik, Radiologie, Chirurgie, medikament�se Therapie und Nachsorge enorme Fortschritte erzielt werden. Bei der medikament�sen Behandlung werden inzwischen zus�tzlich zur Chemotherapie weitere Medikamente dazu kombiniert. Insgesamt sind aber auch gro�e Erfolge zu verzeichnen, denn die Krebssterblichkeit sinkt trotz einer Zunahme der Krebsneuerkrankungen, die wiederum zu einem gro�en Teil auf die demografische Entwicklung, die zunehmend h�here Lebenserwartung und bessere Methoden zur Fr�herkennung zur�ckzuf�hren ist. Nachdem die Tumorbiologie zunehmend besser verstanden wird, kann man von der Behandlung her an verschiedenen Ebenen besser in den Regulationsprozess eingreifen. Dadurch ist es gelungen, bei einigen Krebserkrankungen wie bei Brustkrebs, bei Blutkrebs, den sogenannten Lymphomen, bei Darm- oder Lungenkrebs sowie bei Hautkrebs deutliche Verbesserungen der Therapieergebnisse f�r die Patienten zu erreichen. Zu verdanken ist dies in entscheidendem Ma�e den Fortschritten der modernen Therapiestrategien und insbesondere dem Konzept der zielgerichteten Therapie.

 

 

Auf welchen Gebieten wurden Fortschritte im Kampf gegen Krebs erzielt?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Heute sind Patienten besser �ber Risikofaktoren aufgekl�rt und wissen mehr �ber dieVermeidung von Risikofaktoren wie beispielsweise Rauchen, �bergewicht, einseitige Ern�hrung, Alkoholkonsum und UV-Strahlung. Dar�ber hinaus hat man viel �ber das Erkennen und Entfernen von krebserregenden Substanzen (z. B. Asbest) dazugelernt: Die sinkende Neuerkrankungsrate beim Lungen-, Magen- und Blasenkrebs von M�nnern beispielsweise kann nach Einsch�tzung des Robert Koch-Instituts unter anderem auf einen verringerten Tabakkonsum zur�ckgef�hrt werden. Au�erdem l�sst sich heute durch Impfungen gegen bestimmte Viren (Hepatitis B und Humane Papillomaviren) das Risiko f�r einige Krebserkrankungen deutlich reduzieren.

 

Die Anzahl von Screening- und Fr�herkennungsprogrammen (z. B. Mammographie- und Hautkrebs-Screening, Darmkrebsvorsorge, PSA-Test) ist deutlich gestiegen. Krebsvorstufen oder Krebs k�nnen so fr�hzeitig entdeckt und behandelt werden: Ein Beispiel f�r den Erfolg von Screening-Programmen ist der diagnostische Nachweis von Blut im Stuhl zur Fr�herkennung von Darmkrebs. Dadurch wurde bereits eine Senkung der Sterberaten erreicht. Gleichzeitig konnte die Sterberate durch die Entfernung von Polypen im Rahmen der Darmkrebsspiegelung reduziert werden. Insgesamt sanken die Sterberaten bei Darmkrebs in Deutschland im Zeitraum von 1999 � 2010, dank der verbesserten Fr�herkennung und neuer Therapien, um mehr als 20 Prozent.

 

Verbesserungen in der diagnostischen Bildgebung durch Einsatz der Computertomographie (CT) erlauben es, Lage und Ausdehnung eines Tumors dreidimensional darzustellen und passgenau zu bestrahlen. Mit modernen Strahlentherapieverfahren k�nnen heute z. T. in Kombination mit Operation und Chemotherapie eine Vielzahl von Tumorerkrankungen auch in fortgeschrittenen Stadien geheilt werden z. B. bei Morbus Hodgkin oder bei Prostatakrebs. �ber alle Tumorarten und Stadien gemittelt betr�gt die Heilungschance von Krebs etwa 50 %.

 

Auch die Operationstechniken haben sich deutlich verbessert und erm�glichen in bestimmten F�llen, Tumore vollst�ndig und mit heilender Absicht zu entfernen. Dank minimal invasiver Techniken wird weniger Gewebe verletzt und das Risiko f�r Komplikationen reduziert.

 

Neue molekularbiologische Erkenntnisse �ber die genetischen Ursachen von Krebs haben es erm�glicht, neue innovative Therapieans�tze zu entwickeln wie beispielsweise die Antihormontherapie, zielgerichtete Therapien, Antik�rper-Wirkstoff-Konjugate und Kombinationstherapien.

 

 

Wie wirken sich die Fortschritte f�r Patienten aus?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Die Fortschritte in der Krebstherapie, die sich in einer h�heren Wirksamkeit und besseren Vertr�glichkeit der Therapien widerspiegeln, leisten wichtige Beitr�ge, um das Leben von Krebspatienten bei guter Lebensqualit�t zu verl�ngern. Einige Krebsarten sind heute bereits heilbar oder k�nnen als chronische Erkrankungen behandelt werden. Viele Patienten k�nnen ein fast normales Leben f�hren. Die Aussicht auf ein l�ngeres Leben mit der Diagnose Krebs h�ngt von vielen Faktoren ab: Bei wenig aggressiven Tumoren, die den Organismus zun�chst nicht beeintr�chtigen, k�nnen Krebspatienten auch ohne Therapie lange Zeit und ohne gr��ere Beschwerden mit der Erkrankung leben. Besonders im Alter schreiten einige Krebserkrankungen sehr langsam voran (z. B. Prostatakrebs). Bei fr�hzeitiger Diagnose steigen die Heilungschancen (z. B. bei Brust- oder Darmkrebs) zus�tzlich. Bei einigen Tumoren ist inzwischen sogar eine Heilung im fortgeschrittenen Stadium oder nach Metastasierung m�glich. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen werden Heilungsraten von �ber 80 Prozent erzielt. Aber auch Erwachsene haben bei bestimmten Tumorarten trotz der Erkrankung gute Chancen auf ein langes Leben. Auch die M�glichkeit, Krebs wie eine chronische Erkrankung zu behandeln, ist auf bessere therapeutische und diagnostische M�glichkeiten zur�ckzuf�hren: Patienten mit Darmkrebs leben heute im Durchschnitt drei- bis viermal l�nger als fr�her. Nicht immer f�hren neue Behandlungen zu einer Heilung, wohl aber zu mehr Lebenszeit und besserer Lebensqualit�t. Insgesamt leben Patienten heute nach ihrer Krebsdiagnose nahezu sechsmal l�nger als noch vor ungef�hr 40 Jahren.

 

Nach der EUROCARE-5-Studie haben Krebspatienten in Deutschland im europ�ischen Vergleich �berdurchschnittlich hohe �berlebensraten: Beispielsweise waren die 5-Jahres�ber�lebensraten f�r Darmkrebs mit 62 Prozent so hoch wie in keinem anderen europ�ischen Land. Hohe 5-Jahres-�berlebensraten werden in Deutschland au�erdem bei Prostatakrebs, Hautkrebs, Nierenkrebs und Non-Hodgkin-Lymphomen erreicht.

 

Wirkt sich das auch auf die durchschnittliche Lebenserwartung als ganzes aus?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Die Lebenserwartung der deutschen Bev�lkerung hat sich in den letzten Jahren st�ndig erh�ht. Sie betr�gt bei M�nnern mittlerweile 77,7 Jahre, w�hrend die Lebenserwartung der Frauen sogar 82,7 Jahre betr�gt. Nach aktuellen Berechnungen geht man davon aus, dass etwa 40 % des Anstiegs der Lebenserwartung auf die Einf�hrung neuer innovative Medikamente zur�ckzuf�hren ist. Daran kann man sehen, dass sich der aus der Forschung resultierende medizinische Fortschritt sehr positiv f�r die Bev�lkerung auswirkt.��

 

 

Warum nehmen Krebserkrankungen in Deutschland trotzdem weiter zu?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Die Zahl der Krebsneuerkrankungen ist bei M�nnern zwischen 2000 und 2010 insgesamt um 21%, bei Frauen um 14% angestiegen. Die absolute Zahl von Krebsneuerkrankungen wird voraussichtlich in Zukunft weiter ansteigen. Dies liegt an der Ver�nderung im Altersaufbau der Bev�lkerung und der Zunahme des Anteils �lterer Menschen, die bei M�nnern st�rker ausgepr�gt ist war als bei Frauen. Durch die zunehmende Lebenserwartung steigt auch die Zahl der Krebsneuerkrankungen, denn �ltere Menschen erkranken h�ufiger an Krebs. Die Entwicklung der altersstandardisierten Erkrankungsraten zeigt, dass es ohne diese Ver�nderungen bei M�nnern zu keinem, bei Frauen zu einem leichten Anstieg der Erkrankungszahlen (um etwa 7 %) gekommen w�re. Die altersstandardisierten Sterberaten an Krebs dagegen sind im letzten Jahrzehnt erfreulicherweise bei M�nnern insgesamt um 17 % und bei Frauen um 11 % zur�ckgegangen.

 

 

Gab es Weiterentwicklungen bzw. Verbesserungen bei der Versorgung von Krebspatienten?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Die Situation von Krebspatienten hat sich sicherlich auch dadurch verbessert, dass die Behandlung heute in spezialisierten Krebszentren stattfindet. Au�erdem hat sich die multidisziplin�re Zusammenarbeit verschiedener Fachgruppen wie z.B. von Chirurgen, internistischen Onkologen und Psycho-Onkologen verbessert. Dar�ber hinaus gibt es Optimierungen bei der unterst�tzenden und palliativen Versorgung z. B. bei der Schmerzbehandlung und ein insgesamt verbessertes Nebenwirkungsmanagement. Alles Faktoren, die sich positiv auf die Patientenversorgung in Deutschland ausgewirkt haben.

 

 

Welche Bedeutung hat die Chemotherapie bei der Krebsbehandlung?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Mit der ersten Anwendung der Zytostatika Anfang der 40iger Jahre hat die moderne Krebsmedizin ihren Anfang genommen. Diese Arzneimittel greifen in den Vermehrungsvorgang von Zellen ein und st�ren den Zyklus, den eine Zelle bis zur n�chsten Zellteilung durchl�uft. Damit m�glichst viele Tumorzellen zerst�rt werden, wird meist eine Kombination aus mehreren Chemotherapeutikaeingesetzt, die an verschiedenen Stellen des Zellzyklus ansetzen. Die Chemotherapie wirkt auf den ganzen K�rper und erfasst auch gesunde insbesondere die teilungsaktiven, schnell wachsenden Zellen wie z.B. die Wachstumszellen der Haare. Heute ist die Chemotherapie meist immer noch Bestandteil der Therapie, die mit weiteren spezifischen und zielgerichteten Medikamenten kombiniert wird.

 

 

Die Onkologie blickt auf eine innovative Entwicklung zur�ck: Was sind aus Ihrer Sicht die gr��ten Behandlungsfortschritte der letzten Jahre?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Die gr��ten Therapiefortschritte der letzten Jahre sind sicherlich die modernen Therapiestrategien wie z.B. das Konzept der zielgerichteten Therapie. Dadurch wurden innovative Behandlungskonzepte bei den Krebsarten Brustkrebs, beim Blutkrebs, beim Hautkrebs, bei Darmkrebs, bei Lungenkrebs, beim Hodenkrebs sowie bei einigen Krebserkrankungen im Kindesalter erm�glicht. Die Einf�hrung von therapeutischen Antik�rpern kann sicherlich ebenfalls als ein Meilenstein betrachtet werden, denn dadurch konnte bei vielen Tumorerkrankungen ein teilweise sehr deutlicher Therapiefortschritt erzielt werden. Diese Fragen kann man aber nur f�r jede Krebserkrankung separat beantworten, wir kommen sp�ter sicherlich noch darauf zur�ck.

 

 

Wie wichtig ist die onkologische Forschung?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Ich glaube, dass die onkologische Forschung ganz wichtig ist, denn viele der Behandlungsfortschritte wurden erst m�glich, weil Tumore besser als jemals zuvor mit ihrem molekularen Hintergrund charakterisiert werden konnten. Neue molekularbiologische Erkenntnisse �ber die genetischen Ursachen von Krebs erm�glichen, Mutationen in Tumoren mithilfe von diagnostischen Tests (Biomarkertestung) nachzuweisen. Es ist zunehmend m�glich, zielgerichtet auf die molekularen Defekte zugeschnittene Behandlungen zu entwickeln. So manche fr�her akut bedrohliche Krebserkrankung ist dadurch fast schon zu einer chronischen Krankheit geworden. Au�erdem hat es in der Onkologie in den vergangenen 60 bis 70 Jahren einen allgemeinen Erkenntnisfortschritt. Aufbauend auf den allgemeinen Erkenntnissen zu Zellen und Organismen, wurden in der Folge grundlegende biologische Mechanismen wie z.B. die DNA-Struktur, der genetische Code und dann das menschliche Genom entdeckt und entschl�sselt. Sp�ter kam die Erforschung der Krankheitsmechanismen wie z.B. zu den Signalwegen des Tumors dazu und f�hrte zu einem besseren Verst�ndnis von Krebs.

 

Aufgrund welcher zugrunde liegenden Mechanismen waren diese Verbesserungen m�glich?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Das bessere Verst�ndnis der Tumorbiologie erm�glicht es zunehmend, rationale Ziele f�r die Therapie zu identifizieren und erlaubt es damit, mit der Therapie auf verschiedenen Ebenen in den Regulationsprozess der Tumoren einzugreifen. Dies hat letztlich bei vielen verschiedenen Tumorarten zu einer deutlichen Therapieverbesserung gef�hrt.

 

 

Welche medikament�sen Therapien stehen �rzten und Patienten
heute zur Verf�gung?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Heute stehen zus�tzlich die folgenden Therapien zur Verf�gung: Antihormontherapie, zielgerichtete Therapien, Antik�rper-Wirkstoff-Konjugate und Kombinationstherapien.

 

Bei der Antihormontherapie werden bestimmte Krebsarten, an deren Zellen Hormonrezeptoren nachgewiesen wurden, oft �ber viele Jahre mit antihormonellen Ma�nahmen erfolgreich behandelt. Dabei werden Medikamente verabreicht, die die Produktion oder Wirkung von �strogen bzw. Testosteron im K�rper verringern. Diese Therapie kommt bisher bei Brust-, Geb�rmutter- und Prostatakrebs in Betracht.

 

Zielgerichtet wirkende Arzneimittel richten sich gegen ausgew�hlte Angriffspunkte auf oder in der Tumorzelle. Dadurch werden gezielt Signalwege unterbunden, mit denen die Tumorzelle ihr Wachstum steuert und sich vermehrt. Zu der Gruppe der zielgerichtet wirkenden Arzneimittel z�hlen monoklonale Antik�rper � wie z.B. Rituximab (MabThera), Trastuzumab (Herceptin), Bevacizumab - und Medikamente aus der Gruppe der sogenannten kleinen Molek�le (small molecules) � wie z.B. Erlotinib, Vismodegib oder auch Vemurafenib.

 

Seit 2013 steht mit den Antik�rper-Wirkstoff-Konjugaten (AWK) [z. B. Trastuzumab Emtansin] eine neue Wirkstoffklasse zur Verf�gung. Sie binden gezielt an bestimmte Krebszellen und schleusen ein Chemotherapeutikum direkt in die betroffenen Zellen ein. Dies macht sie zu hochwirksamen Arzneimitteln, die gleichzeitig weniger unerw�nschte Nebenwirkungen wie Haarausfall, �belkeit und Infektionen verursachen.

 

Kombinationstherapien z�hlen zu den wichtigsten und wirksamsten Strategien, um das Leben von Krebspatienten zu verl�ngern. Dabei werden verschiedene Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig erg�nzen, eingesetzt. Auf diese Weise k�nnen mehrere Signalwege des Tumors gleichzeitig blockiert werden. Ziel ist, den Widerstand der Krebszellen gegen eine Behandlung zu verringern, damit Patienten l�nger auf die Therapie ansprechen.

 

Welche Therapien am wirkungsvollsten sind, h�ngt vom individuellen Tumor und dessen Stadium ab. D.h. wie ausgedehnt ist der Tumor, wie viele Lymphknoten sind befallen und haben sich bereits Metastasen in anderen Organen gebildet? Zun�chst wird im Rahmen der Diagnose die Herkunft des Tumors bestimmt, eine Gewebeprobe untersucht sowie diagnostische Tests durchgef�hrt. Aufgrund dieser Befunde l�sst sich anhand von Leitlinien der Fachgesellschaften gezielt eine Therapie festlegen. Die Leitlinien spiegeln den jeweiligen aktuellen Stand der klinischen Medizin auf der Grundlage klinischer Studien wider. Man spricht von der so genannten evidenzbasierten Medizin. Lange Zeit standen den �rzten zur Krebsbehandlung nur die klassischen Chemotherapie-Medikamente zur Verf�gung, die in den Vermehrungsvorgang der Zellen eingreifen und den Zyklus einer Zelle bis zur n�chsten Zellteilung st�ren.

 

 

Was ist eigentlich personalisierte Medizin?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Die personalisierte Medizin ber�cksichtigt unterschiedliche genetische und biologische Gegebenheiten bei der Entwicklung von diagnostischen Tests und Arzneimitteln. Der Weg geht von Medikamenten im �Einheitsformat�, hin zu ma�geschneiderten Therapien. Ziel ist es, Medikamente bestm�glich auf bestimmte Patientengruppen abzustimmen � und dadurch die Ansprechraten zu erh�hen und Nebenwirkungen zu verringern. Anstatt kleine Verbesserungen der Behandlungsergebnisse f�r alle Patienten zu erreichen, wie es bei der Standardtherapie �blich ist, wird bei der personalisierten Medizin nach pr�zisen Zielen gesucht und daf�r werden zielgerichtete Substanzen entwickelt, um f�r einen Teil der Patienten gro�e Verbesserungen zu erwirken. Dazu ist oft eine enge Verzahnung von diagnostischem und pharmazeutischem Wissen notwendig. Mit Hilfe diagnostischer Tests lassen sich heute Patientengruppen mit identischen molekularbiologischen oder genetischen Merkmalen eindeutig identifizieren. Bei bestimmten Krebsarten kann den Patienten ein diagnostischer Test angeboten werden, der eine genaue Bestimmung des Tumors durch sogenannte Biomarker (HER2-Test, BRAF V600-Test) erm�glicht. Die Tests werden in der Regel von Pathologen durchgef�hrt, die damit eine Schl�sselstellung bei der Diagnose einnehmen, die die Grundlage f�r die Therapieentscheidung darstellt. So wird sichergestellt, dass der richtige Patient f�r die zielgerichtete Behandlung identifiziert wird.

 

Zusammenfassend ist das Konzept der Personalisierten Medizin die Entwicklung und Anwendung von wirksamen und sicheren Arzneimitteln und der zielgerichtete Einsatz bei den Patienten, denen sie am besten helfen. Die Personalisierte Medizin setzt sich in der Krebsbehandlung mehr und mehr durch und aufgrund der personalisierten Medizin konnten in vielen Bereichen deutliche Therapiefortschritte bewirkt werden.

 

 

Warum bekommen nicht alle Patienten mit einer bestimmten Krebserkrankung die gleiche Behandlung?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Jeder Mensch ist anders: Zwei Patienten mit der gleichen Diagnose k�nnen ganz unterschiedlich auf dieselben Medikamente ansprechen. W�hrend ein Medikament dem einen hilft, treten beim anderen Nebenwirkungen auf, ohne dass sich der erhoffte Nutzen einstellt. Diese Unterschiede beruhen zum Teil auf genetischen und biologischen Gegebenheiten.

 

Daher kann es sein, dass sich eine Behandlung nicht f�r alle eignet. Das Konzept der Personalisierten Medizin nutzt neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, die eine pr�zisere Anpassung der Therapie und eine bessere Kontrolle der Krankheit erm�glichen. Mithilfe effizienter Diagnostik und unter Einsatz von Biomarkern k�nnen bestimmte Gruppen identifiziert werden, die verschiedene Behandlungsans�tze ben�tigen.

 

 

Welche Therapieverbesserungen gab es in den letzten Jahrzehnten bei Brustkrebs?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Bei Brustkrebs sind in der Vergangenheit besonders eindrucksvolle Erfolge erzielt worden. Die �berlebenschancen der erkrankten Frauen haben sich durch die modernen Behandlungskonzepte deutlich verbessert. Dazu hat eine Reihe innovativer Arzneimittel, die seit den 80iger Jahren in zunehmender Folge verf�gbar geworden sind, entscheidend beigetragen. Das hat zur Konsequenz, dass heutzutage bei der Behandlung von Frauen mit Brustkrebs mehr Therapielinien und auch mehr Linien mit Kombinationstherapien verf�gbar sind und der Tumor deutlich l�nger unter Kontrolle gehalten werden kann.

 

Den wesentlichen Durchbruch f�r diese Entwicklung hat die Entdeckung und Charakterisierung des HER2 (Humaner Epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor) gebracht, der bei bestimmten Brustkrebsarten vermehrt vorkommt und dessen h�ufigeres Auftreten fr�her mit einem schlechten �berleben assoziiert war. Dies hat sich durch die Entwicklung des humanisierten HER2-Antik�rpers Trastuzumab (Herceptin), der das Wachstum von HER2-exprimierenden Tumoren hemmt, entscheidend gewandelt. Dieser Antik�rper bindet gezielt an die HER2-Rezeptoren auf der Oberfl�che der Tumorzelle und blockiert diese mit der Folge, dass das Wachstumssignal ins Innere der Tumorzelle ausbleibt und die Teilung, d.h. die Vermehrung der Krebszelle, verhindert wird. Der Wirkstoff hat eine eindeutige Verl�ngerung des �berlebens von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs von 15 bis 18 Monaten bei der fr�her �blichen Anthrazyklin/Taxan-Behandlung auf 31 bis 37 Monate bei einer Trastuzumab/Taxan-Therapie bewirkt.

 

Ein entscheidender Forschungsbeitrag war, dass parallel die HER2-Testung und die Anti-HER2-Therapie entwickelt wurden.

 

Aufgrund der �berzeugenden Therapieerfolge wurde die Indikation f�r Trastuzumab mittlerweile vom metastasierten HER2-positiven Mammakarzinom auf den fr�hen Brustkrebs erweitert. Denn es konnte gezeigt werden, dass Patientinnen im Fr�hstadium nach der Behandlung mit Trastuzumab l�nger krankheitsfrei bleiben als nach einer alleinigen Chemotherapie (4). Der Einsatz des Antik�rpers hat Sch�tzungen zufolge in der Adjuvanz, also in der Therapie nach vollst�ndiger operativer Entfernung aller erkennbaren Tumorteile, bei mehr als 27.000 Frauen mit Brustkrebs in Westeuropa das Fortschreiten zur Erkrankung mit Metastasen verhindert.

 

 

Welche Innovationen bei der Brustkrebsbehandlung gab es innerhalb der j�ngsten

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Zeit? Therapeutische Antik�rper greifen sehr spezifisch in das Krankheitsgeschehen bei HER2-positivem Brustkrebs ein, indem sie die �berflutung der Krebszellen mit Wachstumssignalen verhindern. In der Zwischenzeit stehen weitere Innovationen in Form von zus�tzlichen therapeutischen Antik�rpern zur Therapie des Brustkrebses zur Verf�gung, die eine weitere Verbesserung der Therapieergebnisse gebracht haben. Hier ist beispielsweise der Wirkstoff Pertuzumab zu nennen, der nach Bindung an den HER2-Rezeptor dessen Paarbildung (Dimerisierung) der HER-Rezeptoren verhindert und in Kombination mit Trastuzumab eine weitere Verl�ngerung des Gesamt�berlebens bewirkt.

 

Ein zus�tzlichesBeispiel ist das Antik�rper-Wirkstoffkonjugat T-DM1, bei dem das Zellgift Emtansin an Trastuzumab gekoppelt wurde. Das Zellgift kann dadurch spezifisch in die Tumorzelle eingeschleust werden, wodurch es in einigen Patientengruppen erfreulicherweise zu einer Lebensverl�ngerung kommt.

 

 

Welche innovativen Weiterentwicklungen gab es zur Therapie von Lymphomen?

 

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Die Fortschritte bei der Therapie von Lymphomen sind ebenfalls ma�geblich auf die Etablierung der Antik�rpertherapie und speziell des Anti-CD20-Antik�rpers Rituximab zur�ckzuf�hren. Entwickelt wurde Rituximab bereits in den 90iger Jahren. Der Wirkstoff bindet an das CD20-Antigen auf der Oberfl�che von B-Zellen und hat zu einem Paradigmenwechsel in der Behandlung des Non-Hodgkin-Lymphoms gef�hrt. Die Therapieergebnisse sind au�erordentlich �berzeugend: Rituximab bewirkt in Kombination mit der Chemotherapie eine signifikanteVerl�ngerung des medianen Gesamt�berlebens von 3,5 auf 8,4 Jahre.

 

 

Gibt es Behandlungsverbesserungen durchbei Darm- bzw. Lungenkrebs?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Aufgrund besserer Aufkl�rung und aufgrund verbesserter Screeningprogramme ist auch bei Patienten mit Darmkrebs ein deutlicher R�ckgang der Sterblichkeit zu verzeichnen. Zus�tzlich gab es Fortschritte aufgrund moderner Therapien: ein Therapiedurchbruch etwa wurde durch die Entwicklung monoklonaler Antik�rper gegen Ziele in der Tumorumgebung und intrazellul�re Signalwege erwirkt. Darmkrebs ist demzufolge ein Beispiel daf�r, wie man dank der Fortschritte im Verst�ndnis der Molekularbiologie rationale Therapieziele identifizieren und darauf aufbauend innovative Medikamente entwickeln konnte. Beispielhalft kann hier der Antik�rper Bevacizumab genannt werden. Er verhindert die Neubildung von Blutgef��en im menschlichen K�rper, was f�r das Fortschreiten zahlreicher Krebserkrankungen von gro�er Bedeutung ist. Dieser Antik�rper verbessert sowohl bei Darmkrebs als auch bei Lungenkrebs in Kombination mit einer Chemotherapie das Gesamt�berleben. Zugelassen ist er au�erdem f�r Brust-, Nieren- und Eierstockkrebs. Weitere Antik�rper, die dazu beitragen k�nnen, das Gesamt�berleben bei Darmkrebs zu steigern, sind die Anti-EGFR-Antik�rper Cetuximab und Panitumumab

 

 

Gibt es einen Therapiedurchbruch bei der Behandlung des schwarzen Hautkrebses?


Prof. Dr. med. Christof von Kalle:
Eine regelrecht aufregende Entwicklung hat sich in j�ngster Zeit bei der Behandlung des schwarzen Hautkrebses vollzogen. Nachdem mehrere Jahrzehnte langdie Forschung auf der Stelle trat, gelang ein Therapiedurchbruch schlie�lich durch die genetische Charakterisierung mit Identifizierung der BRAF V600E-Mutation bei Patienten mit metastasiertem Melanom. Das Protein BRAF ist Teil der Signalkette, die das Zellwachstum regelt. Ist das Protein mutiert, kann sich die Zelle urpl�tzlich ungehindert teilen und ein Tumor entsteht. Mit dem BRAF-Kinase-Inhibitor Vemurafenib l�sst sich bei Patienten mit metastasiertem Melanom das Risiko des Fortschreitens der Erkrankung und auch das Sterberisiko nachhaltig senken.

Das maligne Melanom ist damit zugleich ein Beispiel f�r die hohe Relevanz der personalisierten Therapie. Es wurden parallel der diagnostische Test zum Nachweis der BRAFV600-Mutation sowie das Arzneimittel entwickelt. Anstatt kleine Verbesserungen der Therapieergebnisse f�r alle Patienten zu erreichen, suchen wir mit der personalisierten Therapie nach pr�zisen Zielen und entwickeln zielgerichtete Substanzen, um f�r einen Teil der Patienten gro�e Verbesserungen zu erwirken. Dabei nehmen die Pathologen eine wichtige Rolle ein, denn die Diagnosen sollten auf einem qualitativ hohen Niveau durchgef�hrt werden, um verl�ssliche Ergebnisse erzielen zu k�nnen. Gerade in der Krebsbehandlung setzt sich die personalisierte Medizin mehr und mehr durch. Dazu f�hre ich eigene Untersuchungen zur BRAF-Inhibition bei der Haarzellleuk�mie durch.

 

 

Welche Therapiefortschritte gab es beim hellen/wei�en Hautkrebs?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Das Basalzellkarzinom ist die h�ufigste Form von wei�em Hautkrebs (rund 75 % aller F�lle) und gleichzeitig die h�ufigste Hautkrebsform in Europa. Bei einer sehr kleinen Patientengruppe (ca. 1%) breitet sich der Tumor weiter aus. Ein fortgeschrittenes Basalzellkarzinom (advanced bzw. aBCC) hat Gewebe zerst�rende und entstellende Folgen und kann letztlich zum Tod f�hren. Lange Zeit gab es f�r Patienten mit einem fortgeschrittenen Basalzellkarzinom keine angemessene Behandlungsform. Seit Juli 2013 steht ein neues innovatives Medikament in Tablettenform zur Verf�gung, der Hedgehog-Signalhemmer Vismodegib. Die Therapie setzt am sogenannten Hedgehog-Signalweg an. Dieser Signalweg ist bei mehr als 90 % der BCC-F�lle von Bedeutung. Ist er �beraktiv, kann das zu unkontrolliertem Zellwachstum f�hren.

 

Diese Behandlung kommt dann in Frage, wenn Basalzellkarzinome nicht durch einen chirurgischen Eingriff oder durch ein nicht-operatives Verfahren entfernt werden k�nnen. Das ist der Fall, wenn die Funktion eines Organs, beispielsweise eines Auges oder Ohrs, verloren gehen k�nnte oder bei einem lange unbehandelten Karzinom, das vermutlich sehr tief in die Haut eingewachsen ist. Die Erforschung des Hedgehog-Signalwegs hat f�r Patienten mit hellem Hautkrebs damit nun eine neue innovative Therapieoption erm�glicht.

 

 

Kann sich die deutsche Gesellschaft die teure Krebsmedizin �berhaupt leisten?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Der medizinische Fortschritt hat nat�rlich seinen Preis: Um ein neues Krebsmedikament zu entwickeln, muss man heute nach allgemeinen Sch�tzungen etwa mit Investitionskosten von einer Milliarde Euro rechnen. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass etwa ein Viertel der Menschen in Deutschland durch eine Krebserkrankung zu Tode kommen. Auf die Krebsmedizin entfallen aber nur ca. 20 Prozent der Ausgaben des Gesundheitssystems. Die Aufwendungen f�r Krebsmedikamente machen dabei rund sechs bis acht Prozent aus. Die Sorge, dass die moderne Krebsmedizin die Ressourcen des Gesundheitssystems im Moment sprengen w�rden, ist aus meiner Sicht also keineswegs gerechtfertigt.

 

 

Welche zuk�nftigen Forschungsgebiete stehen noch an? Wo sehen Sie f�r die Zukunft weiteren Forschungsbedarf?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Interessante neue Ans�tze und Konzepte sind in der pr�klinischen und klinischen Entwicklung. Dazu z�hlen u.a. neue Therapiestrategien wie beispielsweise Antik�rper der n�chsten Generation oder auch die Immuntherapie, bei der die Tumore mithilfe des Immunsystems bek�mpft werden. Die Immuntherapie k�nnte sich in Zukunft als �vierte S�ule in der Krebstherapie� etablieren. Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass das Tumorgewebe die Immunfunktion des K�rpers unterdr�cken kann. So entgeht der Tumor der k�rpereigenen Abwehr. Neue Therapiestrategien zielen nun darauf ab, �ber die Beeinflussung bestimmter Mechanismen wieder eine ad�quate Immunabwehr der Tumorzellen zu etablieren. Dabei ist die Idee, es dem Immunsystem zu erm�glichen, mit der Resterkrankung wieder fertig zu werden. Die neuen Erkenntnisse zur Immuntherapie haben bewirkt, dass derzeit weiter intensiv nach weiteren so genannten Immun-Checkpoints und entsprechenden Beeinflussungsm�glichkeiten gesucht wird. Wir sehen in der Immuntherapie ein hohes Potenzial f�r weitere Verbesserungen in der Krebsbehandlung. Es muss also weiterhin in die Krebsforschung investiert werden, so dass auch zuk�nftig weitere innovative Krebsmedikamente und Diagnostika entwickelt werden k�nnen. Das Ziel ist letztlich, Patienten zu einem l�ngeren und besseren Leben zu verhelfen und dem Krebs den Schrecken zu nehmen.

 

Lohnt es sich denn heute noch weiter in die Forschung von Krebs zu investieren?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Durch die intensive Forschung wurden in der Krebstherapie bereits bedeutende Fortschritte erzielt. Dennoch besteht nach wie vor bei einigen Krebsarten ein hoher Bedarf, die Behandlungsergebnisse durch Innovationen weiter zu verbessern. Wir d�rfen nicht innehalten, denn wir brauchen weitere Innovationen und Fortschritte. Deshalb ben�tigen wir kontinuierliche Investitionen in die Forschung, um auch in Zukunft in weiteren Forschungsgebieten weitere Fortschritte erzielen zu k�nnen. Die Zeichen f�r die Zukunft stehen in der Onkologie hierf�r sehr gut.

 

 

Was ist die Schwierigkeit bei der Erforschung und Entwicklung von neuen Medikamenten?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Damit am Ende ein Medikament zugelassen werden kann, m�ssen zwischen 5.000 - 10.000 Ausgangssubstanzen untersucht werden. Dabei werden die Substanzen in verschiedenen Schritten optimiert und auf ihre Wirkung hin im Reagenzglas oder vereinzelt auch in Tierversuchen getestet. Erst dann geht man in die vorklinische Entwicklung zur Untersuchung der Wirksamkeit und etwaiger Nebenwirkungen. Anschlie�end erfolgt die Klinische Entwicklung, also die Tests am Patienten, die in die Phase I bis III unterteilt werden. Dabei wird das Medikament zuerst an Probanden, dann an kleinen und zuletzt an gro�en Patientenkollektiven untersucht. Erst nachdem dieser aufwendige Entwicklungsprozess durchlaufen ist, bei dem immer wieder Medikamente aus verschiedenen Gr�nden durch das Raster fallen, kann nach durchschnittlich 13,5 Jahren die Substanz auch zugelassen werden und das Arzneimittel auf den Markt kommen.

 

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Krebsmedizin?

Prof. Dr. med. Christof von Kalle: Ein weiterer Paradigmenwechsel deutet sich an: Lange Zeit hat sich die Krebsmedizin mit der Ebene der Tumorzelle besch�ftigt. Es d�rfte jedoch k�nftig zur Regel werden, die molekulare Signatur innerhalb der Krebszellen eines jeden Patienten zu bestimmen und die Vernetzungen der molekularen Signale und Pathways zu analysieren.

 

Aus der Kombination der personalisierten molekularen Analyse, den Erkenntnissen aus den Grundlagenwissenschaften und der verst�rkten interdisziplin�ren Zusammenarbeit werden sich deutlich rascher als bisher zielgerichtete und neue Medikamente entwickeln lassen. Wir m�ssen dahin kommen, jeden Patienten und jede Studie als ein interdisziplin�res Geschehen zu begreifen.

 

Weitere Technologien werden Einzug halten und den gesamten Prozess der Entwicklung von Innovationen in der Krebsmedizin befl�geln.

 

 

Quelle: Referenzinterview anl�sslich des Pressegespr�chs �Aktuelles vom amerikanischen Krebskongress 2014� am 11. Juni 2014 in K�ln der Roche Pharma AG

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